Niemand muss in Deutschland auf der Straße leben

oder?

Wenn wir von Ab In Die Koje erzählen, wird uns immer wieder entgegen gehalten, dass es doch genügend staatliche Unterkünfte gäbe, dass für jeden gesorgt würde und dass niemand dauerhaft auf der Straße leben müsse. Tatsächlich schreibt auch brand eins in dem Artikel Warum gibt es eigentlich immer noch Obdachlose? dass nur diejenigen länger als ein paar Tage obdachlos würden, die keine Hilfe vom Staat annehmen können oder wollen und somit mehr oder weniger freiwillig ohne Wohnung wären. In dem Artikel wird erklärt, dass die Obdachlosen meist harte Schicksalsschläge hinter sich hätten, dass sie psychische Probleme hätten und meist auch alkohol- oder drogensüchtig sein – dass sie deshalb nicht in der Lage wären Hilfe vom Staat anzunehmen und sich förmlich dagegen wehren würden. Allein in Frankfurt gäbe es keinen einzigen dauerhaft Obdachlosen, „[…] der auch nur im Ansatz psychisch gesund ist”. Dabei würden die Behörden den Menschen die Hilfe förmlich aufzwängen: „Reicht ein Vermieter bei Gericht eine Räumungsklage ein, dann geht automatisch eine Mitteilung an das Sozialamt. Dieses schreibt dem Mieter einen Brief, bietet Hilfe an, vermittelt zwischen ihm und dem Vermieter und übernimmt oft auch die Mietschulden. Der Mieter muss nur einen kleinen, aber entscheidenden Schritt machen: Er muss den Brief öffnen – und reagieren.”

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Nach dem Lesen des Artikels kommt auch uns fast der Gedanke ‚Na, wenn die es einfach nicht wollen, dann braucht der Staat auch nicht so viel Geld dafür auszugeben. Dann lass sie halt auf der Straße.’

Die Zeit räumt in dem Artikel Gibt es echte Obdachlosigkeit in Deutschland? ein, dass Obdachlose in Deutschland nicht „aus Lust und Laune auf der Straße oder in einer Notunterkunft” lebten. Denn „[das] deutsche Sozialsystem greift zwar, aber nicht sofort: Bis ein Obdachloser in Deutschland irgendwann in eine permanente, staatsfinanzierte Behausung kommt, von wo aus er den Weg ins normale Leben zurück finden kann, schläft er schon ein paar Nächte auf der Straße.” Ein paar Nächte? Das hört sich ja nicht besonders schlimm an.

Vielleicht braucht es Ab In Die Koje dann wirklich nicht. Die Obdachlosen, die länger ohne Wohnung sind, haben also einfach keine Lust auf eine Wohnung oder sind so krank, dass sie keine Hilfe annehmen. Da können wir dann ja auch nichts machen. Und alle anderen werden nach ein paar Tagen sowieso gleich wieder vom Staat aufgefangen.

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In dem Artikel Glückssache Unterkunft des Straßenmagazins Hinz & Kunzt wird die Sache allerdings komplett anders dargestellt. Laut der der Hinz & Kunzt haben die wenigsten der 700 Wohnungslosen, die im Frühjar das Winternotprogramm verlassen müssen, eine Chance auf einen Platz in einer städtischen Unterkunft, weil „die, die dort eigentlich übergangsweise leben, keine Wohnung finden.” Tatsächlich wären die Wartezeiten für die 10.000 regulären öffentlichen Unterkunftsplätze so lang, dass einige Fachstellen nicht einmal mehr Wartelisten führten. Das liest sich nicht nach ein paar Nächten zum Übergang, sondern nach einem strukturellen Problem.

Vorgesehen sei – zumindest in Hamburg – eigentlich, dass die Wohnungslosen nach kurzer Zeit in einer Notunterkunft, ein Zimmer in einer der Unterkünfte des städtischen Betreibers fördern & wohnen umziehen um von dort aus nach einer dauerhaften Wohnung zu suchen. Tatsächlich kämen die Meisten selbst nach Monaten oder Jahren noch nicht aus der Notunterkunft heraus, weil fördern & wohnen einfach nicht genügend Kapazitäten zu Verfügung habe. Aber selbst für die, die es so weit geschafft haben, sieht es noch nicht rosig aus: Laut Hinz & Kunzt hätten es in Hamburg im Januar 2014 nur 36 von über 2600 Wohnungslosen geschafft aus einer dieser Unterkünfte heraus eine Wohnung zu finden. Realistische Chancen auf eine Unterkunft hätten sowieso nur diejenigen, die als Familie oder auf Grund von Krankheiten als „Härtefall” gelten.

Die Aussage, dass niemand in Deutschland auf der Straße leben muss, der das nicht will, stimmt also ganz offenbar nicht – auch wenn sie sehr verbreitet ist. Wir wollen in diesem Blog und gemeinsam mit Gastbeiträgen von allen Interessierten für uns selbst herausfinden, wie es zur Obdachlosigkeit kommt, was wir dagegen tun können; wir wollen hören und lesen, was die Betroffenen zu sagen haben und wir wollen Aufmerksamkeit für das Thema schaffen und auch Euch informieren und dafür gewinnen, über dieses Thema nachzudenken.

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