Die Hierarchie des Helfens

Helfen, das ist etwas Gutes, oder? Einen anderen Menschen unterstützen, Beistand leisten – es ist erst mal schwer vorstellbar, was daran schlecht sein sollte.

Mir ging das auch so, als ich mit 18 darüber nachdachte, was ich nach dem Abitur eigentlich anstellen will. Sofort studieren, Au-Pair, FSJ, das sagte mir alles nicht zu und ich landete schnell bei der Option „weltwärts“, dem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Als „weltwärts“-Freiwillige kann man ein Jahr lang in einem Land des sogenannten globalen Südens arbeiten und leben – und was die meisten automatisch denken: helfen. Asien, Südamerika und Subsahara-Afrika sind die Einsatzorte, also nach der Vorstellung der meisten „Entwicklungsländer“. Und Entwicklungsland, das bedeutet doch eine Menge armer Kinder, die traurig dreinschauen, vier Stunden am Tag zur Schule laufen müssen, weniger als eine Handvoll Reis am Tag zu essen haben und deren Dorf mit Sicherheit noch einen richtigen Brunnen braucht! Ein Paradies also für solche, die helfen wollen! Und das wollen eine Menge der jungen Abiturient_innen. Hoffentlich lernt genau dieses Klientel, was es bedeutet, sich als jemand zu sehen, der anderen helfen kann und darf.

Jemandem helfen heißt oftmals, dass du etwas hast, was die Person, der du helfen willst, nicht hat. Du gehst davon aus, dass sie etwas benötigt, was ihr aktuell fehlt. Du gehst davon aus, dass du mit deiner Initiative etwas für die Andere oder den Anderen verbessern kannst, weil du über bestimmte Ressourcen verfügst. In den meisten Fällen heißt es, dass du die Rollen definierst: Rollen, in der du die Gebende bist und die oder der Andere die Nehmende.

Europäische Schwestern leben ihre Idee christlicher Nächstenliebe aus – zulasten der Hilfsbedürftigen

Eine erste Ahnung von der Hierarchie des Helfens sollte ich in meinem Projekt in Togo bekommen. Das Zentrum für sexuell missbrauchte Mädchen und durch Arbeit ausgebeutete Kinder und Jugendliche war von spanischen Karmelitinnen, also Ordensschwestern gegründet worden. Das hieß, dass die Schwestern allein entschieden, was passierte. Was passieren sollte und was gut für die Kinder und Jugendlichen ist, davon hatten sie sehr klare Vorstellungen. Dass diese oft denen meiner togoischen Kolleg_innen widersprachen, spielte keine Rolle. Die Schwestern waren die Geberinnen und was sie gaben, oblag ihnen allein. Da wurden dann schon mal Mädchen vor der Arbeit „gerettet“ und in Ausbildungen gebracht, obwohl klar war, dass deren Versorgerinnen sich dann nicht mehr um sie kümmern würden, weil sie kein Geld mehr nach Hause brachten. Gut gemeinte Hilfe verkehrte sich ins Gegenteil, weil der Kontext und die Zusammenhänge von Lebenslagen ignoriert wurden. Ich war als staatlich finanzierte Unterstützung in ein Projekt geschickt worden, in dem eine Hand voll europäischer Schwestern ihre Ideen von sinnvoller Hilfe durchsetzen konnten, weil sie das Geld und die christliche Motivation dazu hatten – und damit nichts besser machten.

Nicht immer muss Hilfe alle Zusammenhänge miteinbeziehen, wie es in diesem Projekt nötig gewesen wäre. Denn es gibt Momente, in denen es schlichtweg absurd erscheinen würde, die Notwendigkeit von Hilfeleistungen zu bestreiten. Bei einer Hungersnot würden wohl die wenigsten protestieren, wenn Hilfe in Form von Nahrungsmitteln geleistet wird. Die Not ist hier so unmittelbar und offensichtlich, dass wenige Mutmaßungen über ihre Auslöser angestellt werden. Wenn Menschen hungern, ist eine mögliche Verantwortlichkeit der Hungernden für ihre Situation zweitrangig, das ist keine Frage, die gestellt wird. Bei Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, sieht das schon anders aus. Ist da jemand selber schuld an der Misere? Es gibt doch so viele Hilfsangebote! Wer nicht will, der hat schon! Auch bei Hilfsbedürftigkeit wird sortiert, als gäbe es eine Skala für die Legitimität von Hilfe.

Viele Geflüchtete bedeuten vor allem: viele verschiedene Menschen

So verhält es sich auch in der Frage der Flüchtlingshilfe. Wo anfangs bei den meisten noch ein diffuses Bild von heruntergekommenen, ausgemergelten Menschen vorzuherrschen schien, die den Bildern von den Menschen in Hungersnöten vielleicht gar nicht so unähnlich waren, hat sich jetzt herumgesprochen, dass bei einer großen Wanderungsbewegung wohl auch eine große Vielfalt herrscht: an Wohlstand, Bildungsgrad, religiöser Überzeugung, Liberalität, Modegeschmack und anderen Eigenschaften, die Menschen so mit sich bringen.

Und nun greift sie, die Hierarchie des Helfens: Von vielen Seiten wird ausgerufen, wer welche Hilfe benötigt und wer nicht. Bist du eine Frau aus der syrischen Mittelschicht mit drei Kindern und ohne Mann? Du brauchst Hilfe! Bist du ein junger Mann aus Afghanistan und hast nach dem Abitur noch kein Studium begonnen? Für dich gibt es in Afghanistan noch Orte, an denen du entspannt dein Dasein fristen kannst!

Es ist angesichts der Verschiedenheit der Menschen und Geschichten leicht, ein Ranking der Hilfsbedürftigkeit aufzustellen. Da steht dann jemand aus Syrien mit Kriegsverletzung und toten Verwandten ganz oben. Am besten noch ein Trauma, da haben wir unseren „Vorzeigeflüchtling“, der ist sogar AfD-approved. Dann gibt es da noch diese ganzen „jungen Männer“, die einfach zu gepflegt aussehen, zu reich, als dass sie unsere Hilfe so bitter nötig haben könnten. Es gibt scheinbar Menschen, die einfach noch zu okay wirken, um sich für Hilfe zu qualifizieren.

Hilfe weiß viel zu oft schon, wer was braucht und wem was fehlt

Ähnlich scheint sich das bei Wohnungslosen zu verhalten, auch hier gibt es verschiedene Erscheinungsbilder, einige passen ins Klischee des Wohnunglosen, andere wären nie als solche zu erkennen. Beim Wohnungslosen „an sich“ gehen die meisten aber schon davon aus, dass Hilfe notwendig ist, hier hat schließlich jemand kein Dach über dem Kopf, das wird sie oder er doch ändern wollen, das will doch niemand, da muss man doch helfen.

Aber Hilfe weiß viel zu oft schon, wer was braucht und wem was fehlt. Was dagegen hilft (haha), ist vermutlich nur die Sensibilität für den Einzelfall und vor allem: nachfragen.

So wie es meinem Mitbewohner letzten Winter passierte, der bei -10 Grad dem Wohnungslosen bei uns um die Ecke einen dicken Pulli vermachen wollte. Der lehnte dankend ab und sagte, er sei versorgt, aber wenn mein Mitbewohner zufällig ein Auto übrig habe, das würde er nehmen.

A photo posted by Barbie Savior (@barbiesavior) on

#justlikejesus #greatwhitehope – Barbie Savior auf Instagram bebildert Volunteererfahrungen von weißen jungen Frauen, die in Afrika (jaa, dem ganzen Kontinent) ihr koloniales Wunder erleben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.