Extreme Homeless Man Makeover!

Heute schon nach „homeless“ gegoogelt?

Ich ja. Ein entspannter Sonntagnachmittag, ein wenig unkomplizierte Recherche zum Thema Wohnungslosigkeit – einfach ein paar Videos anschauen; so hatte ich mir das vorgestellt. Der Nachmittag wurde dann doch komplizierter als geplant.

Den Anstoß lieferte ein kurzer Imagefilm der Hamburger Obdachlosenzeitschrift Hinz & Kunzt. Ausgerechnet Kai Diekmann, Chefredakteur der nicht gerade für ihre soziale Ader bekannten BILD Zeitung, macht sich gegen vorurteilsbehaftetes Abstempeln stark. Ich frage mich, was schlimmer ist: Diekmann beim Polieren seines Images zuzusehen, oder der Hinz & Kunzt beim Verkauf ihrer Seele.

Homelessness gone viral

Bei einem Vereinstreffen von Ab in die Koje e.V. unterhalten wir uns kurz über die Aktion. Aber auch in den Tagen und Wochen danach lässt mich die Geschichte nicht los. In letzter Zeit teilen immer mehr Freunde auf Facebook Videos mit „unglaublichem Ende“, Videos, die mich „garantiert zu Tränen rühren werden“ und das „Süßeste“, „Extremste“, „Witzigste“ oder „Bewegendste“ sind, was ich je gesehen habe. Und viele davon handeln von ‚Hilfsaktionen‘ für Wohnungslose.

Ein weiteres Beispiel ist ein Film, den Facebook selbst Anfang des Jahres zum zehnjährigen Jubiläum der Plattform herausbrachte. Aufwendig und ästhetisch produziert, zeigt das viereinhalb-minütige Video „The Conditioned“ die Verwandlung Raimundo Arruda Sobrinhos vom wohnungslosen, zerlumpten Dichter auf São Paulos Straßen hin zum wiedereingegliederten Buchautor und Familienonkel. Und das alles dank der Strahlkraft von Facebook. Beinahe muss ich mich übergeben, während mir Tränen der Rührung die Wange herunterlaufen.

The Conditioned from Facebook Stories on Vimeo.

Aber es geht doch um eine gute Sache…

Die Frage ist nicht neu: heiligt der Zweck die Mittel? Darf sich Hinz & Kunzt mit Diekmann verbrüdern, um Vorurteile gegenüber Wohnungslosen aus dem Weg zu räumen? Ist es ok, dass sich ein milliardenschweres Unternehmen, welches sein Geld mit der Auflösung der Privatsphäre verdient, soziale Wohltätigkeit auf die Fahnen schreibt? Immerhin wird unglaublich effektiv auf ein Problem aufmerksam gemacht.

Ich sage zaghaft: Nein, es ist nicht in Ordnung. Für Werbezwecke stellen sich Personen und Unternehmen auf widerwärtige Weise als wohltätige, offene Gutmenschen dar, die sie nicht sind. Dabei nutzen sie schamlos Wohnungslose, deren Situation und diese umgebende Denkweisen aus. Hinz & Kunzt hätte eine andere Persönlichkeit für ihre Werbekampagne finden sollen.

Doch was wäre aus Raimundo Arruda Sobrinhos ohne Facebook geworden? Unterstellen wir ihm einmal den Wunsch, der Wohnungslosigkeit zu entkommen; Wie hätte er jemals den Anschluss an seine Familie gefunden, wie wäre er Buchautor geworden?

 

Zeit für ein wenig Selbstkritik

Auch Ab in die Koje e.V. wird sich mit dieser Thematik beschäftigen müssen. Die mediale Aufmachung des Projekts wird eine Gratwanderung. Ich glaube mit einiger Bestimmtheit behaupten zu können, dass es keinem von uns um Selbstdarstellung geht. Dennoch müssen wir Wege finden, genug Aufmerksamkeit für die Thematik zu generieren, um unser Ziel zu erreichen. Und das wohl auch mit der Hilfe von Facebook.

 

Zum Schluss

Es geht übrigens noch schlimmer. Wer die Zeit hat, sollte sich vielleicht folgende Videos auf Youtube anschauen: Homeless Lottery Winner, Three German students surprise a homeless guy, Giving $100 to Homeless People, Homeless Guys Arm Wrestling for Money und Extreme Homeless Man Makeover!

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